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Eindrücke aus Katsikas
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Soup and Socks
Was uns wütend macht

Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer,
 

eigentlich wollten wir in diesem Newsletter die aktuellen Fortschritte des Projektes Habibi.Works mit euch teilen und, da ein Transporter am Freitagnachmittag von Heidelberg aus nach Katsikas startet, einen Aufruf für Materialspenden ins Rollen bringen. Dazu kommen wir auch gleich. Doch abgesehen von unserem Projekt sehen wir es auch als unsere Verantwortung an, auf die Lage vor Ort aufmerksam zu machen - und die war in den letzten Wochen immer wieder so haarsträubend, dass wir zuerst dazu Stellung nehmen werden!

Den Finger in die Wunde legen... 

Wenn man sich den Umgang mit der Situation in Griechenland seit März 2016 anschaut, dann wird deutlich, dass nie wirklich nach angemessenen Lösungen für die Lage und die Zukunft der Geflüchteten gesucht wurde. Werfen wir einen Blick nach Katsikas. Die Menschen hier schlafen seit Monaten in Zelten. Sie kochen über offenem Feuer. Sie waschen ihre Wäsche und ihr Geschirr mit kaltem Wasser. Sie nutzen über Monate hinweg unzumutbare Sanitäre Anlagen. Sie stehen Schlange.
Für Essen.
Für Kleidung.
Für Medikamente.
Das Bild, das so entsteht, erinnert an Krisengebiete. Es zeigt die Menschen in einer Situation grundlegenden Mangels. Dabei ist dieser Mangel vollkommen unnötig und künstlich herbeigeführt.

Wir befinden uns nicht in einem Krisengebiet, sondern in Griechenland. Im Grunde sind alle Ressourcen vorhanden, die eine würdige Unterbringung der Menschen erlauben. Allein in der nahegelegenen Stadt Ioannina stehen laut Internetrecherche weit über 1000 leere Wohnungen zur Miete. Menschen hier unterzubringen, wäre nicht nur menschenwürdiger gewesen, sondern hätte auch einen Teil der Gelder der finanziell belasteten griechischen Bevölkerung zukommen lassen. Wer nun denkt, das wäre teurer gewesen, der irrt. Tatsächlich hätte es kaum eine teurere Lösung geben können, als das Feld in Katsikas, auf dem die Betroffenen nun leben, „bewohnbar“ zu machen.

Doch von Seiten der lokalen, nationalen und europäischen Politik wurde es versäumt, die Strukturen bereit zu stellen, die ohnehin existieren – Gebäude. Weil sich niemand eingestehen wollte, dass die Anwesenheit der Geflüchteten kein vorübergehender Ausnahmezustand ist. Weil niemand Verantwortung übernehmen, unbequeme Wahrheiten aussprechen und sich den Unmut künftiger Wählerinnen und Wähler zuziehen wollte.  
 
Die großen Organisationen haben es versäumt, nachhaltig und langfristig zu planen - und einige von ihnen schlittern von einer improvisierten Lösung in die nächste: Provisorische Zelte. Böden für die provisorischen Zelte. Neue Zelte. Dann die Erkenntnis, dass Menschen im Winter in dieser Region der Welt nicht in Zelten leben können. Und immer wieder unhaltbare Versprechungen, die dazu führen, dass Organisationen wie das UNHCR vor den Geflüchteten, den kleinen Organisationen und der lokalen Politik in dieser Region an Glaubwürdigkeit verlieren. Die provisorischen Maßnahmen, die ergriffen werden, sind im besten Falle kurzsichtig. Und im schlimmsten Falle fahrlässig.
 
Zwei kurze aber konkrete Beispiele aus der Region Epirus:

Aus dem Camp Katsikas wurden vor einigen Wochen Personen, die als besonders schutzbedürftig eingestuft wurden, in Hotels umgesiedelt. Auf den ersten Blick eine vernünftige Maßnahme. Doch im Gegensatz zu ihrer vorherigen Unterbringung haben die Menschen hier keinen Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Einkaufsmöglichkeiten. Die nächsten Städte, in denen es Krankenhäuser und Apotheken gibt, sind über 50 Kilometer entfernt. In diese entlegene Gegend wurden die Hochschwangeren verbracht, die chronisch Kranken und die Ältesten. Die medizinische Versorgung dieser Menschen, gerade noch Kriterium ihrer Schutzbedürftigkeit, ist ersatzlos entfallen. Den Mitgliedern der bisher tätigen Organisationen aus Katsikas, die nach wie vor bereit sind, bei der täglichen Versorgung und der medizinischen Begleitung zu unterstützen, ist der Zutritt zu den Hotels bisher untersagt. 

Das zweite Beispiel schildert die Ereignisse in Camp Katsikas vom 08.10.2016. Im Sommer waren hier von IOM Greece grüne Netzbahnen über die Zelte gespannt worden, als Sonnenschutz in den heißen Monaten. Am Samstag vor 2 Wochen erfasste eine Windböe den Netzstoff wie ein Segel und riss die meterhohen Betonpfeiler, an denen die Stoffbahnen befestigt waren, aus dem steinigen Boden. Innerhalb von Sekunden stürzten die schweren Betonblöcke auf und zwischen die Zelte, zerbarsten, Menschen wurden unter den meterlangen Stoffbahnen begraben und Brände entflammten dort, wo das grüne Netz auf die Campingfeuer niederging. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Die Tatsache, dass hier nicht nur eine unzureichende Lösung für die Unterbringung der Menschen gefunden, sondern durch mangelnde Sorgfalt bei der Konstruktion eine ernsthafte Gefahr entstand, ist erschreckend. Noch erschreckender ist jedoch die Tatsache, dass auch dieser Vorfall noch nicht ausreicht um den Verantwortlichen einen konkreten Handlungsbedarf aufzuzeigen und eine angemessene Reaktion hervorzurufen. Offensichtlich muss erst ein Ernstfall durch die Medien gehen, damit der Druck zu Handeln groß genug ist. Hier findet ihr den sehr anschaulichen und kritischen Bericht, den Florian für euch zu den Vorfällen geschrieben hat, und ein Video.

Und wir? Wir haben den Aufschrei versäumt. Wir sind den großen Organisationen von einer improvisierten Lösung in die nächste gefolgt, immer in dem tapferen Versuch, im Alltag zu retten, was zu retten ist. Wir haben unsere Zeit und Energie dafür eingesetzt, Lücken zu füllen und Verantwortungen zu übernehmen, die nicht die unseren sind. Gleichzeitig werden wir nicht an Entscheidungsprozessen beteiligt, werden nicht ernst genommen und in manchen Fällen (vor allem in denen, in denen wir laut werden und Öffentlichkeit herstellen) auf unsere Plätze in den hinteren Rängen verwiesen. Aber genau das ist die Antwort auf die oben gestellte Frage. Das muss unsere Rolle sein. Wir müssen den Finger in die Wunden legen, die durch die Verletzung des gesunden Menschenverstandes entstehen und neben der konkreten Unterstützung vor Ort Öffentlichkeit herstellen. Was wir hiermit tun.

Nicht nur in Katsikas geht es mitunter absurd zu, sondern auch in anderen Teilen der Welt, wie das neue Abkommen zwischen der EU und der afghanischen Regierung zeigt, das zur Abschiebung und Rücknahme einer unbegrenzten Anzahl Asylsuchender nach Afghanistan geschlossen wurde.
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Innerhalb dieser Rahmenbedingungen etwas Sinnvolles, Positives, Nachhaltiges auf die Beine zu stellen, ist eine Herausforderung. Gleichzeitig gibt es unendlich viel, was uns motiviert:
Die Erkenntnis, wie dringend es notwendig ist, handfeste Lösungen anzupacken. Unsere Empörung, die uns dazu antreibt, nicht nachzulassen. Die Eigeninitiative der Menschen, die uns von ihren Ideen erzählen. Die unglaublichen Talente, mit denen wir überrascht werden. Die unzähligen schönen Momente, in denen wir sehen, dass funktioniert, was wir anstoßen: erste Bilder, Kleider und Möbel, die köstlichen Gerüche, die in unseren Werkstätten und in der Küche ins Leben gerufen werden. Die zunehmenden Kontakte zu Griechinnen und Griechen, die in Habibi.Works involviert werden. Und vor allem eure Unterstützung!
 
In diesem Sinne: Wir lassen nicht nach! Verantwortung übernehmen und an Lösungen arbeiten? In Habibi.Works leben wir die Haltung DO IT YOURSELF oder besser LETS DO IT TOGETHER. It works.
 


Unterstützt uns dabei, mit euren Geld- oder Materialspenden!

Unser Spendenaufruf kommt relativ kurzfristig - die erfahrenen Soup&Socks-Unterstützenden unter euch kennen das bereits ;-) Die Ereignisse vor Ort lassen uns wenig Zeit, aber jetzt haben wir es geschafft! Werft einen Blick in die Materialliste für unser Projekt Habibi.Works: vom Beamer über It-Equipment, Nähmaschinen, Tassen, Schüsseln, Werkzeuge und Stoffe könnt ihr bis Donnerstag den 20. Oktober 2016 in der Friedensstraße 39 in 69 121 Heidelberg eure Materialspenden abgeben. 

Ohne euch und euer Engagement wäre nichts von dem, was wir hier vor Ort aufbauen, möglich!

DANKE : )

Mimi und das Soup & Socks - Team

 
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