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Current developments in Greece
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Soup and Socks
Sonderausgabe - Die Lage in Griechenland 
[Please find the ENGLISH VERSION below]
One of the containers in Camp Katsikas. Photo by our team member Markus Bohl. 
Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer,

Am 3. September wurden 207 Frauen, Männer und Kinder von den griechischen Inseln in das Camp von Katsikas umgesiedelt. 207 Menschen, die als Einige von vielen die überfüllten Camps auf den griechischen Inseln verlassen konnten und aufs Festland gebracht wurden. Eines unserer erklärten Ziele ist es, aus erster Hand über die Lage vor Ort aufzuklären. In Anbetracht der Neuigkeiten haben wir uns daher entschieden, diesen Newsletter zu nutzen um Informationen zu aktuellen Entwicklungen und unsere Einschätzung zur politischen Situation in Griechenland mit euch zu teilen. Die Zahlen und Fakten, auf die wir uns im Folgenden beziehen, stammen entweder aus unseren eigenen Beobachtungen und Dokumentationen oder von Koraki, die auf Analyse und Kommunikation im humanitären Sektor spezialisiert sind und mit denen wir seit nunmehr zwei Jahren erfolgreich zusammenarbeiten. Auf zahllose Erfolgsgeschichten aus Habibi.Works könnt ihr euch schon jetzt im Newsletter im Oktober freuen!  
 
Aktuelle Entwicklungen

207 weitere Frauen, Männer und Kinder wurden am 03. September in das Camp von Katsikas verbracht - und das obwohl hier nur 77 Plätze zur Verfügung standen. 
Die Zahl der Personen, die auf ihrer Flucht die griechischen Inseln erreicht haben, ist in den letzten Monaten wieder gestiegen. Es sind die höchsten Zahlen für einzelne Monate seit in Kraft treten des EU-Türkei-Deals im März 2016, seit Beginn der Zeit also, in der die türkische Küstenwache im Auftrag der EU begann, Menschen massiv und systematisch an der Überfahrt zu hindern. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass die aktuell höheren Zahlen jedoch kaum etwas mit einem etwaigen Wandel in der Haltung der türkischen Regierung oder dem Vorgehen der türkischen Küstenwache zu tun haben: Die Zahl der von der türkischen Küstenwache verhinderten Überfahrten lag in den vergangenen Monaten ebenfalls höher als zuvor – es ist daher weitaus plausibler von einer insgesamt größeren Zahl an Menschen auszugehen, die den Versuch der Flucht über das Mittelmeer unternommen haben, als von laxen oder gar beabsichtigten Maßnahmen der türkischen Regierung. Dass der EU-Türkei-Deal gegen internationales Recht verstößt und Pushbacks auf See illegal sind, ist bekannt, wird aber von der EU als Maßnahme an ihren Außengrenzen hingenommen oder gar eingefordert. 
Zurück zu den Zahlen. Im Juli 2019 haben 5116 Personen die griechischen Inseln, darunter hauptsächlich Lesvos, Chios, Samos und Kos erreicht, im August waren es 7655 Personen. Diese Zahlen sind in keiner Weise mit den vielfach größeren Gruppen von Ankommenden in 2015 und den ersten Monaten 2016 vergleichbar. Dennoch ist es wichtig, den Trend zu bemerken und darauf aufmerksam zu machen. Denn derzeit drohen und beginnen die griechischen und europäischen Behörden mit den gleichen unzureichenden, unmenschlichen Maßnahmen zu reagieren wie in 2015 und 2016 – obwohl dafür damals wie heute kein Grund bestand und besteht.
Die Tatsache, dass die Situation auf den Inseln dringender Entlastung bedarf, hat die griechischen Autoritäten nun dazu veranlasst, in den letzten drei Wochen etwas mehr als insgesamt 3000 Personen von den verschiedenen Inseln auf das Festland umzusiedeln. Was auf den ersten Blick wie ein begrüßenswerter Schritt anmutet, bringt in der Umsetzung neue Probleme mit sich. Statt Menschen in einigen der schier endlosen Zahl leerstehender Gebäude im Land unterzubringen (und damit auch die griechische Wirtschaft anzukurbeln), werden viele der Betroffenen in ebenfalls überlastete Ghettos, in Camps abseits der Gesellschaft, verbracht. An einigen Orten, wie zum Beispiel in Neakavala, wurde daran festgehalten, Menschen in Zelten unterzubringen.
Diese Maßnahmen sind in einem EU-Land wie Griechenland, in dem die Infrastruktur einen solchen Schritt nicht erfordert, schlicht inakzeptabel. Es besteht keine Notwendigkeit dafür, dass Menschen jeder Altersgruppe hier in Zelten leben müssen. Es drängt sich daher die Frage auf, ob es sich hier um inkompetentes oder taktisches Vorgehen handelt. Die aktuelle Richtung, die die neue Regierungspartei Nea Demokratia eingeschlagen hat, lässt eher Zweiteres befürchten. Die Partei hat in den ersten Wochen seit Machtantritt bereits einige gravierende Änderungen in der Migrationspolitik vorgenommen, darunter die Auflösung des Migrationsministeriums und die Ansiedlung seiner Zuständigkeiten unter dem Ministerium für Bürgerschutz und innere Sicherheit (unter dem auch die Polizei angesiedelt ist) sowie die Aussetzung des erleichterten Zugangs zu Gesundheitsleistungen für Asylsuchende. Seit Juli erhalten die neuankommenden oder noch unregistrierten Männer, Frauen und Kinder keine sogenannte AMKA-Nummer mehr (staatliche Krankenversicherung), die es ihnen ermöglicht, Leistungen  im Gesundheitsbereich zu erhalten. Ohne AMKA erhalten Kinder keine Impfung. Ohne Impfung dürfen Kinder nicht in die Schule gehen. Der Anteil der Kinder, die sich allein oder mit ihren Familien im Asylverfahren befinden und einen Platz in einer griechischen Schule erhalten haben, wird - sollte sich das Vorgehen der Regierung hinsichtlich der Ausstellung von AMKA-Nummern nicht bald ändert - weiter sinken. Und die Europäische Union sieht zu.
Wir haben in Europa hervorragende Voraussetzungen und Möglichkeiten, Menschen die auf der Suche nach Schutz und Sicherheit in Europa ankommen, zu integrieren. Die aktuellen Zahlen stellen für Europa, selbst für Griechenland allein (obwohl das nicht nur unsolidarisch sondern aufgrund seiner geographischen Lage auch unfair für Griechenland wäre) keinen Anlass zur Sorge dar. Wenn Menschen aber in überfüllte Camps, in Ghettos und in Zelte gezwungen werden, wenn ihnen der Zugang zu Gesundheitsleistungen und zu Bildung erschwert oder verwehrt werden, stellen wir uns in Europa selbst ein Bein. Keine dieser absurden Maßnahmen wird an der Tatsache, dass Menschen nach Europa fliehen, etwas ändern. Vor allem dann nicht, wenn die Situation in Herkunftsländern wie Afghanistan und Syrien weiter kritisch bleibt oder sich verschlechtert. Diese Maßnahmen tragen allerdings dazu bei, dass Menschen weiter traumatisiert werden, dass junge Menschen die Chance auf Ausbildung, Beruf und ein unabhängiges Leben verpassen und die erfolgreiche Integration in der Zukunft dadurch erschwert wird. Was gebraucht wird, sind langfristige Lösungen.
 
Im Oktober gibt es, wie bereits oben angemerkt, die ersten Erfolgsgeschichten der neuangekommenen Nutzerinnen und Nutzer von Habibi.Works. Es sind kleine Schritte, die hier getan werden – aber im Gegensatz zu vielen anderen Dingen in diesem Kontext sind es Schritte in eine nachhaltigere Richtung.  

Wie immer sind wir interessiert an euren Anregungen und freuen uns über Nachricht von euch. 

Mit den besten Grüßen aus Griechenland, 

Mimi und Team
Soup and Socks
Special Edition -  The Situation in Greece
One of the containers in Camp Katsikas. Photo by our team member Markus Bohl. 
Dear Supporters,

On the 3rd of September, 207 women, men and children were relocated from the Greek Islands to Camp Katsikas. 207 people, a few out of a bigger group, who were allowed to leave the Greek Islands and moved to the main land. One of our explicit goals is to report first hand about the development we observe on the ground. In light of these news, we have decided to use this newsletter to share information and our assessment on the current political developments in Greece. The numbers and facts quoted in the following are either based on our own documentation or on the reports of Koraki, who are doing analysis and communications for humanitarian responders and with whom we have been successfully collaborating for two years already. Several success stories from Habibi.Works have already been documented and will reach you with the Newsletter in October!
Additional 207 women, men and children were brought to Camp Katsikas on the 3rd of September - and that even though there were only 77 spots available in the camp.
The number of people who have reached the Greek islands on their escape route has increased in the last months. We are looking at the highest numbers per month since the EU-Turkey deal came into effect in March 2016, which marked the moment in which the Turkish coastguard started to massively and strategically impede people's passage. At this point it is essential to note that the current high numbers hardly have anything to do with a possible change in the attitude of the Turkish government or the approach of the Turkish coastguard: The number of people prevented to cross  the sea by the Turkish coastguard has also been higher in these past months than in the months before - it is therefore more plausible to emanate from a generally higher number of people, who attempt to flee via the Mediterranean Sea, as opposed to intended measures taken by the Turkish government. It is known that the EU-Turkey deal transgresses international law and that pushbacks at sea are illegal, yet it is a concrete measure that the EU accepts and even demands at their borders. 
Back to the numers. In July 2019, 5116 people arrived on the Greek islands, mostly on Lesvos, Chios, Samos and Kos, in August it were 7655 people. These numbers are in no way comparable to the multiple bigger groups of arrivals in 2015 and the first months of 2016. Nonetheless it is important to recognise the trend and call attention to it. At the moment the Greek and European authorities threaten and begin to react with the same insufficient and inhumane measures as in 2015 and 2016 – even though there was and is no reason for this, not then and not now.
The fact that the situation on the Greek islands is in need of urgent relief has lead the Greek authorities to relocate more than 3000 people from the islands to the mainland during the last three weeks. What appears to be a welcoming step, brings new challenges and issues in its implementation. Instead of accommodating people in one of the countless abandoned buildings across the country (and through that also stimulating Greek economy), most of the people affected are put into overcrowded ghettos; in camps isolated from society. In a few of these spots, such as for example Neakavala the authorities adhered to the idea of accommodating people in tents. 
These measures are simply unacceptable in a EU country such as Greece, where the infrastructure does not require such a step. There is no necessity for people of every age group to be living in a tent. Thus the pressing question whether these measures are due to a lack of competence or whether they are tactical behaviour. The current approach of the government under Nea Demokratia leaves us to fear the latter. Since the election of the party a few weeks ago, there have been several grave changes in migration policy, among them the dismantling of the Ministry of Migration and the relocation of its responsibilities under the Ministry of Civil Protection and Security (under which the police is residing), as well as the suspension of easy access to health services for asylum seekers. Since July, the new arrivals or other unregistered men, women and children do not receive the so-called AMKA number anymore (public health insurance), which they need to access services within the health sector. Without AMKA, children to not get vaccinated. Without vaccinations, children are not allowed to go to school. The percentage of children, who are in the midst of their asylum process either alone or with their respective family and have received a spot in a Greek school, will - in case the approach of the government concerning the issuing of AMKA numbers will not change soon - continue to recede. And the European Union is watching.
We have exceptional preconditions and possibilities in Europe to integrate people who arrive in search of safety and security. The current numbers are not presenting any reason to worry for Europe, not even for Greece alone (although that would not only be a lack of solidarity, but also be unfair for Greece considering its geographical location). If people are forced into overcrowded camps though, into ghettos and tents and if access to health services and education is hindered or denied, we are shooting ourselves in the foot. None of these absurd measures will change anything about the fact that people are fleeing to Europe. Especially not, if the situations in the countries of origin, such as Afghanistan and Syria continue to stay critical or are even getting worse. These measures are in fact contributing to a continued traumatisation of people, the are the reason for young people to miss out on possibilities and chances of education, on an independent life and will therefore complicate and impede successful integration in the future. What is needed are long-term solutions that empower people.
In October, as mentioned above, we will share with you the first success stories of the new users of Habibi.Works. The steps that are taken are small - but in comparison to many other things in this context they are steps into a more sustainable direction.

As always, we are interested in your suggestions and are happy to hear from you.

Warmest regards from Greece,

Mimi and Team
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