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Wir berichten über erste Erfolge, aber auch über das elend schlechte Wetter und sonstige Wirrungen...
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Soup and Socks
Viel Licht und viel Regen über Katsikas
Licht und Regen

Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer,

am kommenden Mittwoch wird ein weiterer Transporter von Heidelberg aus Richtung Katsikas starten. Mit an Board sind etliche Materialspenden von euch. Wir haben aber noch etwas Platz und trotz guter Grundausstattung fehlen noch etliche Dinge in der Habibi.Works Werkstatt. Exemplarisch wären hier folgende Werkzeuge zu nennen:

  • Textil Bereich: Bügelpresse, Overlock Saumnähmaschine, Stoffspenden
  • IT Technik: Beamer, alte Laptops, Tablets und Smartphones
  • Fotografie: Digitale Spiegelreflexkamera, Blitzsysteme
  • Werkzeuge: Papierschneidemaschine, Lackiersystem, Schweißgeräte
  • Küche: Mikrowelle, scharfe Küchenmesser, tiefe Teller und Tassen
  • Tonstudio: Gitarren, Verstärker, Outdoor Lautsprecher
  • Großmaschinen: Tiefziehmaschine, Drehmaschine, Portalfräse
  • Allgemeines: Flipboardständer, Schultafeln

Die vollständige Bedarfsliste findet ihr hier. Alle Spenden können kurzfristig an diesem Montag und Dienstag (12 und 13. September) zwischen 17-20 Uhr in der Friedensstrasse 39 in 69121 Heidelberg abgegeben werden (Klingel: Familie Horsch). Falls es sich um etwas größeres handelt, das ihr alleine nicht bewegt bekommt meldet euch bitte kurz per E-Mail (help@soupandsocks.eu) und wir kommen möglichst schnell auf euch zurück.

Viel Licht über Katsikas

Ohne unseren Einsatz in Griechenland unnötig zu glorifizieren, dürfen wir nach über einem Monat auf unzählige wunderschöne Momente und Erfahrungen zurückblicken in denen wir spürten, dass wir hier zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind und das passende Konzept im Gepäck haben. Bevor wir im zweiten Teil kritischere Töne anschlagen und die schwierigen Rahmenbedingungen im Camp umreißen, wollen wir hier einige der bisherigen Highlights beschreiben:

Nähworkshop
Sowohl Männer wie Frauen packen mit an und nutzen die Werkzeuge regelmäßig. Für uns beeindruckend und entgegen jeder veralteten Rollenbilder: Erstaunlich viele Männer sind sehr gut an den Nähmaschinen ausgebildet!

Hier ist sowieso für alle etwas geboten: Seht selbst und guckt euch den visuellen Rundgang durch die Habibi.Works Werkstätten an!
 
Rechts im Bild seht ihr unser neues Teammitglied Amira beim Übersetzen von technischen Details. Sie genießt ein hohes Ansehen im Camp durch den Einsatz, den sie im April in Katsikas geleistet hatte. Als geborene Marokkanerin geht ihr das Arabisch gut von der Zunge und wir können noch besser in der Muttersprache vieler mit den Menschen kommunizieren. Welcome on board :-)
Computer
Die Workshopangebote werden von den Kindern hervorragend angenommen. Wir können gar nicht genügend Laptops haben um allen einen Arbeitsplatz anzubieten. Aber Schritt für Schritt darf jeder mal probieren. Mit erstaunlichen Ergebnissen: Rechts seht ihr Bader, der ohne jegliche Erklärungen in seinem ersten Workshop das komplette Camp kartographiert hat! Wir waren nur noch sprachlos. Alles steht am richtigen Platz und selbst die Zeltreihen sind akkurat beschriftet! Das 3D-Druckergebnis gibt es hier.
Musik und Lasercutting
In der Habibi.Works Werkstatt trifft man sich um zu lernen, aber auch um anderen etwas beizubringen. So gibt zum Beispiel Arafat (links) dem jüngeren Opernsänger Hanan (rechts) Gesangsunterricht. Eine sehr willkommene Abwechslung zu dem Lärm aus der Holzwerkstatt - hört hier selbst! Hanan ist neben seinem gesanglichen Talent Modedesigner und hatte seine Kollektionen schon auf etlichen Laufstegen dieser Welt.

Rechts im Bild seht ihr Mimi beim Lasercutting Workshop. Die flotte Zing 24 Wunderkiste graviert und schneidet mit ihren 30 Watt nahezu alle Materialien: Papier, Pappe, Textilien, Leder, Holz, Metall. Erst kürzlich nutzen wir die Maschine um dem ersten Habibi.Works Produkt den letzten Schliff zu geben.
Essen
Getreu unserer Soup and Socks-Wurzeln wird natürlich auch viel gekocht und gelacht. In wechselnder Besetzung kochen Gruppen aus dem Camp für alle Anwesenden in der Werkstatt. An Feiertagen oder zum Beispiel während des letzten Protests (mehr dazu gleich) wird auch in größeren Mengen gekocht.

Mimi punktet bei unseren jüngsten Bastlern mit dem ersten #Katsikas-Pancake-Workshop: Pfannkuchen, Nutella, Banane und Sprühsahne können einfach nur glücklich machen :-)

Viel Regen über Katsikas

Klingt alles nach Friede, Freude, Eierkuchen in Katsikas, richtig? Die Wahrheit ist, dass es an allen Ecken klemmt und das Versagen Europas mit der Situation menschlich umzugehen jeden Tag offensichtlicher wird. Während in Italien allein in den letzten fünf Tagen 14.000 Menschen in Gummibooten ankamen und in Syrien kurz vor einem erneuten Anlauf für eine Waffenruhe noch schnell hunderte Menschenleben ausradiert werden, fragen wir uns wo die wirklich ernsthaften Bemühungen bleiben die systematischen Defekte in unserer Welt anzugehen. Einfacher scheint es Grenzen zu sichern, der AfD das Wahlprogramm zu kopieren und zu hoffen, dass alles so wird wie es einmal war. 

In unserem "Mikrokosmos Katsikas" könnte alles so einfach sein: Das Kontingent für die Umsiedlung (= Relocation) von 160.000 Geflüchteten aus Griechenland und Italien wurde vor über einem Jahr vereinbart. Bisher wurden gerade mal 4742 Menschen über das Programm gerecht auf Europa verteilt.

Die Wiedervereinigung von Familien, eine der wichtigsten Maßnahmen um eine Integration in unserer Gesellschaft überhaupt zu ermöglichen, wird systematisch sabotiert. So bekommen selbst Syrer oft nur noch das "2. Klasse Asyl", den sogenannten Subsidiären Schutz. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vergisst schnell mal die wichtigste Einschränkung auf seiner niedlich designten Infoseite: Die Aussetzung des Rechts auf Familiennachzug für 2 Jahre! 

Genau diese intransparente und hochgradig unehrliche Art der Kommunikation führte dazu, dass Menschen sich auf den Weg machten um den katastrophalen Bedingungen in ihren Heimatländern und der Türkei zu entkommen. Die Hoffnung ihren Kindern eine sichere Zukunft und Fortsetzung der Ausbildung zu garantieren wird in Griechenland durch die Tatenlosigkeit der europäischen Wertegemeinschaft mit Füßen getreten. 

Für die Menschen in Katsikas sind nun es bereits über 6 Monate in Zelten. Ein Elend das man über so viele Wege hätte vermeiden können (z.B. legale Fluchtwege, faire Umverteilung, schnelle Familienzusammenführung, ernsthafte Friedensbemühungen ohne strategische Eigeninteressen, etc.). 

Wenn man aber mal akzeptiert hat, dass es nun mal so ist wie ist und sich nur auf die Situation in der Region Nordgriechenland/Epirus konzentriert geht der Irrsinn einfach weiter: Es liegen Millionen an Budget in den Händen der großen NGOs und in der nahegelegenen Stadt Ioannina stehen tausende Wohnungen leer. Dennoch scheint es unmöglich zu sein unkompliziert und schnell das Geld in Form von Mieten der teilweise bitterlich armen griechischen Bevölkerung zuzuführen und so eine Win-Win-Situation für Einheimische wie auch Neuankömmlinge zu schaffen. 

Renovierungspläne für ebenso geeignete Immobilien, wie ein altes Waisenhaus, werden erst auf die lange Bank geschoben, politisch sabotiert und hinterfragt und dann im letzten Schritt viel zu spät ausgeschrieben. Eine Fertigstellung der ersten drei Gebäude (von über einem Dutzend) werden frühestens Ende November fertig. Dabei weiß doch jeder in Ioannina, dass es um den 20. Oktober bitterlich kalt wird und es noch mehr Regen geben wird. Sie nennen ihre Stadt "little London of Greece".

Gerade wurden weitere 115 Millionen Euro freigegeben. Eine weitere "Emergency Support" Reaktion um Wochen zu spät, anstelle einer professionell orchestrierten Aktion, die mit dem gleichen oder geringerem Einsatz wahren Gestaltungsspielraum gegeben hätte, um ganze Regionen in Südeuropa durch neue Infrastruktur zu stärken. Wo bleibt hier der Aufschrei der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen? 
Protestbrief Katsikas
Aktuelle Entwicklungen

Die Menschen im Camp aber haben schon lange verstanden wie der Hase läuft. Zu langsam laufen die Gelder, zu verworren sind die Auszahlungsmechanismen. Wenn etwas ankommt, kommt es zu spät. Sie verfolgen europäische Pressemeldungen, recherchieren selbst über Preise von Wohncontainern, hinterfragen die Handlungen der großen und kleinen Organisationen und nehmen diese auch vermehrt in die Verantwortung. Zu Recht wie wir finden. Ein lange überfälliger Kontrollmechanismus, dem wir uns auch vermehrt stellen müssen und wollen.

Vor über einer Woche veröffentlichten die Bewohner des Camps eine Protestnote in Richtung der Armee, der Polizei und UNHCR (Bild anklicken für größere Version zum Lesen) und zogen wenige Tage später los (Foto: Katsikas Live) auf den zentralen Dorfplatz, um dort für eine umgehende Unterbringung in Häusern zu demonstrieren

Es wurde viel verhandelt, Versprechungen gemacht und Kompromisse geschlossen. Nach 2 Tagen gingen die Menschen zurück in ihre Zelte und vorgestern war es dann endlich soweit: Die ersten 51 Bewohner des Camps durften endlich in Richtung einer anständigen Unterbringung aufbrechen

Wir und die Menschen im Camp verfolgen sehr genau die weiteren Entwicklungen, da nicht klar ist ob wirklich alle innerhalb der nächsten Tage in bessere Notunterkünfte gebracht werden. Ein weiteres Mal wird über viele bürokratische Details gesprochen und zwischen Nationalitäten unterschieden, anstatt anzuerkennen, dass jede und jeder hier mit einem legitimen Grund zu uns gekommen ist. Wir werden nicht akzeptieren, dass auf politischer Ebene versucht wird einen Unterschied zwischen Bomben in Kabul, Bagdad oder Aleppo zu machen. Hier vor Ort macht das schlichtweg keinen Sinn.

Uns stellen die Veränderungen im Camp vor große Herausforderungen. Die erste Gruppe wurde fast zwei Stunden entfernt in ein entlegenes Bergdorf gebracht, fern ab jeglicher Infrastruktur (kein Supermarkt, Apotheke und Doktor), obwohl es sich gerade bei ihnen um besondere Fälle handelt (Schwangere, Alte und Kranke, etc.). Wir sind nun also zerrissen zwischen dem laufenden Betrieb in Habibi.Works, dem Anspruch Kontakt zu allen zu halten und sie trotz der Entfernung auch sinnvoll einbinden zu können.
[VIDEO] Es regnet weiter... 

Aktuell regnet es fast jeden Tag wie aus Eimern. Der Betrieb in Habibi.Works kommt dann fast zum Erliegen, da sich alle um ihre Zelte kümmern um sicherzustellen, dass das wenige Hab und Gut möglichst trocken bleibt. Wir, nur wenige hundert Meter entfernt, fühlen uns zur gleichen Zeit ohnmächtig angesichts der Ungleichheit. Es ist eine schwierige Situation, der wir nur mit noch mehr Einsatz und Kommunikation Richtung Europa begegnen können. In diesem Sinne haben wir gestern während einem der typischen Unwetter einen Rundgang durch das Camp gemacht. Aus meiner Stimme klingt der aufkeimende Frust mit, ich werde mich bemühen das nächste Mal informativer zu sein: Hier geht es zum Video

Unsere Botschaft in Kürze: Lasst euch nicht anstecken von dem vielen Hass und Misstrauen gegenüber den Schutzsuchenden. Sie brauchen unsere Unterstützung, sie kommen in Frieden und JA, jedem Zweifler zu Trotz, sie bringen auch all ihre Talente mit! Bei Habibi.Works haben wir gut ausgebildete Handwerker, Elektriker, Schweißer, Künstler, Köche, Siebdruckspezialisten, Opernsänger, Fashion Designer, junge Studenten und vieles mehr - aus jeder Altersklasse, jedem Geschlecht und jeder Nationalität. 

Beste Grüße aus Griechenland - und vielen Dank für euren Zuspruch, eure Material- und Geldspenden! Ohne euch wäre es hier richtig mies.

Florian und euer Soup and Socks Team

PS: Auf Facebook und Twitter hat Habibi.Works nun auch eine eigene Präsenz (jeweils ohne Anmeldung einsehbar). Hier findet ihr vermehrt auch kleine Updates zu unseren Workshops.

PS 2: Gerade erreicht uns die Nachricht, dass für Dienstag ein erneuter Protest angekündigt wurde. Wir halten euch auf dem Laufenden.
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