Brief von Dzongsar Khyentse Rinpoche an die Rigpa-Sangha
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Brief von Dzongsar Khyentse Rinpoche an die Rigpa-Sangha

Hallo <<First name>>,

Zu Beginn des neuen Jahres möchten wir den folgenden Brief mit euch teilen. Als einer unserer wichtigsten spirituellen Berater hat Dzongsar Khyentse Rinpoche der gesamten Rigpa-Sangha geschrieben – aus tiefster Wertschätzung und Sorge für unsere Dharma-Gemeinschaft.
Wir hoffen, dass euch der Brief  Vertrauen in unseren Weg und unsere Zukunft in Rigpa gibt und euch inspiriert.

Mit unseren herzlichsten Wünschen für 2019,

das Vision Board

 

Brief von Dzongsar Khyentse Rinpoche an die Rigpa-Sangha

Liebe Rigpa-Mandala-Mitglieder, die Guru Padmasambhava als Zuflucht in diesem Leben, dem nächsten Leben und in den Bardo-Zuständen genommen haben.

Ich schreibe euch mit einem freuderfüllten, warmen Herz. Wir müssen nicht weiter darauf eingehen, wieviele Unwegsamkeiten und Unsicherheiten die Rigpa-Sangha in letzter Zeit auf ihrem Pfad erlebt hat, doch ich muss gestehen, dass ich mich eine Zeit lang gefragt habe, ob ihr es schaffen werdet, zusammen zu bleiben. Jetzt erkenne ich, dass meine Zweifel das Symptom einer gewissen kulturellen Konditionierung waren, die mich skeptisch gemacht hatte, ob Westler überhaupt imstande sind, das Dharma zu begreifen, ganz zu schweigen davon, dass sie die Ausdauer und Beharrlichkeit besäßen, den spirituellen Pfad angesichts derartiger Turbulenzen weiterzuverfolgen.

Macht euch keine Illusionen: Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Situation. Im Verlauf der Geschichte haben wir erlebt, wie – sowohl in Asien als auch im Westen – ganze Sanghas, Übertragungslinien und Institutionen angesichts ähnlicher Krisen ihre Motivation und ihren Mut verloren haben. Einige waren so entmutigt, dass sie jetzt nicht mehr existieren.

Aus vielerlei Gründen – bekannten wie unbekannten – scheint Sogyal Rinpoche eine Reihe von Ereignissen falsch gehandhabt, falsch gemanagt und falsch ausgelegt zu haben. Deshalb befinden wir uns in der aktuellen Situation. Doch nach allem, was ich höre, ist die Rigpa-Sangha weit davon entfernt, auseinander zu fallen: Sie ist gesund und munter. Ihr funktioniert nicht nur weiterhin als Organisation, sondern praktiziert auch weiterhin zusammen und habt trotz aller Unsicherheit die Kontinuität aufrechterhalten. Wie habt ihr das geschafft? Wenn ich über diese Frage nachdenke, fällt mir immer ein sehr wichtiger Aspekt von Rigpa ein: dass Sogyal Rinpoche einer enormen Anzahl von Menschen in eine große und authentische Linie von Lehren eingeführt und sie mit einigen der bemerkenswertesten, gelehrtesten und hoch verwirklichten Lehrer*innen unserer Zeit bekannt gemacht hat. Danach habt ihr über alles nachgedacht, was diese gelehrt haben, und darüber kontempliert, und als Resultat habt ihr erkannt, dass es im Buddhismus im Allgemeinen und im Vajrayana im Besonderen um viel mehr als nur eine Person geht. Die Kontemplation, das Studium und all diese Begegnungen und Einführungen haben also Früchte getragen und werden noch bis lang in die Zukunft Früchte tragen.

Vergesst nie, dass unser Pfad ein Pfad ist, der es nicht nur zu schätzen weiß, sondern seine Anhänger sehr dazu ermutigt, sich durch „Hören und Kontemplation“ vorzubereiten, bevor sie eine der Praktiken aufnehmen. Der Pfad des Vajrayana bildet keine Ausnahme. Ich kann nicht umhin, mich frustriert zu fühlen, wenn ich höre, dass Buddhadharma als „Kult“ bezeichnet wird. Das Buddhadharma ermutigt seine Anhänger aktiv – vielleicht mehr als jede andere Weltreligion –, kritisches Denken auf alles anzuwenden, was es lehrt. Durch das Hören, Kontemplieren und Analysieren des Dharma entwickeln wir ein unerschütterliches Vertrauen und Hingabe zum Pfad. Dies muss die Rigpa-Sangha wohl getan haben, denn auf der ganzen Welt versammelt ihr euch trotz der Achterbahn der letzten achtzehn Monaten am 10. Tag für den Guru Rinpoche-Tsok, am 25. Tag für den Dakini-Tsok, sowie für tägliche Riwo Sangchö-, Tendrel Nyesel- und Vajrakilaya-Praxis. Dies weist darauf hin, dass ihr irgendwann auf dem Pfad erkannt haben müsst, dass Buddhadharma nicht nur Vajrayana ist und dass Vajrayana nicht nur eine Person namens Sogyal Rinpoche ist. Ihr müsst auch erkannt haben, wie viel Weisheit das Buddhadharma enthält und wie viele geschickte Mittel es bietet, sich selbst und anderen zu helfen. So habt ihr als Sangha den Ansatz von Rigpa am Leben erhalten. Deshalb ist Rigpa auch nicht auseinandergebrochen. Und in meinen Augen: Wenn das nicht der Beweis dafür ist, dass sich das Dharma im Westen etabliert hat, dass feste Grundlagen geschaffen wurden und dass die Saat des Dharma im Allgemeinen und insbesondere des Vajrayana jetzt aufgegangen ist, weiß ich nicht, was es sonst beweisen sollte.

Gleichzeitig weiß ich, dass viele von euch verwirrt, enttäuscht, sogar verzweifelt und deprimiert sind. Und wie sollte es anders sein in einer solchen Situation? Das Beeindruckende ist jedoch, dass ihr alle, wie erbärmlich ihr euch auch fühlt, weiterhin dem Pfad von Buddha Shakyamuni treu geblieben seid.

Wenn ein System an einen neuen Ort und in eine andere Kultur verpflanzt wird – sei es ein politisches, Wirtschafts-, Bildungs- oder religiöses System –, steht es oft für eine lange Zeit vor unzähligen Schwierigkeiten und Herausforderungen, bis es als fest etabliert angesehen werden kann. Dies gilt umso mehr für den heiligen Pfad des Dharma. Niemand hat jemals behauptet, dass es einfach sein würde, einem spirituellen Pfad zu folgen! Die Lehren sind voll von Hinweisen auf mögliche Hindernisse, die den Charakter eines Praktizierenden ständig prüfen werden, insbesondere im Vajrayana.

An dieser Stelle möchte ich euch alle dazu ermutigen, dem Buddhadharma weiterhin zuzuhören und darüber zu kontemplieren. In der Tat möchte ich euch darum bitten, niemals aufzuhören, dem Dharma und insbesondere dem Vajrayana zuzuhören und darüber zu kontemplieren, denn dadurch werdet ihr zu dem Schluss kommen, dass es vollkommen fehlerfrei ist. Je mehr ihr mit offenem Geist zuhört und kontempliert, desto größer wird euer Zuversicht in den Pfad werden. Wenn eure Zuversicht in den Pfad und sein Ergebnis größer wird, wird selbst sich einem Guru hinzugeben und dem Pfad des Guru zu folgen alles andere als bedenklich sein, ganz im Gegenteil! Mit anderen Worten, ein Pfad, der zuvor riskant erschien, wird stattdessen ungefährlich und sicher sein.

Die meisten Mitglieder der Rigpa-Sangha sind Vajrayana-Praktizierende; ihr habt also zweifellos das Bodhisattva-Gelübde abgelegt. Als Anhänger des Bodhisattvayana-Pfads wisst ihr, dass ihr euch auf einem Pfad der langfristigen Pläne befindet – in diesem Fall besteht euer Plan oder euer Bestreben darin, alle fühlenden Wesen zur Erleuchtung zu bringen. Ihr wisst auch, dass Bodhisattvas meinen, was sie sagen, daher ist dieses Streben nicht nur eine angenehme Phantasievorstellung. Und da ihr das Bodhisattva-Gelübde abgelegt habt, wisst ihr, dass die große Vision des Bodhisattva-Pfads darin besteht, das Buddhadharma zu verbreiten, zu bewahren und all denen vorzustellen, die eine karmische Verbindung damit haben.

Rigpa war bisher ein sehr effektives Fahrzeug für das Buddhadharma. Durch Rigpa sind sehr viele Menschen mit dem Dharma in Kontakt gekommen. Ihr solltet diese Aktivität fortsetzen. Denkt nie, dass die Verbreitung und Bewahrung des Dharma die Aufgabe einer einzigen Person sei. Ich habe immer gedacht, dass Rigpa eine sehr wichtige Rolle innehat, das Dharma aufrechtzuerhalten, zu bewahren und der westlichen Welt zu präsentieren. Ich sehe das immer noch so, jetzt mehr als je zuvor. Jede*r Rigpa-Schüler*in sollte dies im Sinn behalten. Damit meine ich natürlich nicht, dass ihr alle anfangen solltet zu lehren! Vielmehr sollte Rigpas Netzwerk von Dharma-Zentren auf der ganzen Welt weiterhin alles anbieten, was Schüler und Praktizierende benötigen, um das Dharma zu studieren und zu praktizieren, einschließlich eines guten Lehrprogramms, durch das Interessierte authentischen Dharma-Lehrer*innen begegnen können – kurz gesagt, dass Rigpa auch weiterhin ein Gefäß zur Verfügung stellt, das die Ursachen und Bedingungen schafft, durch die das Dharma zum Nutzen aller aufrechterhalten, bewahrt und präsentiert wird, jetzt und in künftigen Jahren. Diese Aktivität ist so wichtig und setzt auch die richtigen Signale.

Ja, das Ansehen von Rigpa hat im letzten Jahr oder darüber hinaus einige Kratzer erlitten. Doch viele eurer Aktivitäten haben Rigpa über Jahrzehnte hinweg einen guten und gesunden Ruf eingebracht. Rigpas positive, nützliche Beiträge zum Dharma überwiegen bei weitem die schlechten, daher wäre es töricht, uns an den Schwierigkeiten festzubeißen. Stattdessen müssen wir uns anschauen, was wir aus dieser Situation lernen, wie wir die Missverständnisse und Fehler korrigieren und Rigpa noch besser machen können. Darum geht es beim Bodhisattvayana-Pfad. Bodhisattvas der Vergangenheit haben außergewöhnliche Anstrengungen unternommen, um Lebewesen zu helfen – einige überwanden Ozeane aus Feuer und andere sprangen bereitwillig in die Höllenbereiche, um das Dharma zu bewahren und anderen zu helfen. Lassen wir uns – angesichts dieses Heldentums und dieser Tapferkeit – da von einigen Hindernissen, die sich umschiffen und völlig transformieren lassen, abschrecken?

Viele von euch haben sich das Vajrayana zu Herzen genommen. Und trotz allem, was passiert ist, empfinden viele von euch auch weiterhin eine unerschütterliche Hingabe zu eurem Meister, Sogyal Rinpoche. Das ist eure Wahl. Wenn ihr euch dafür entscheidet, dem Vajrayana-Pfad zu folgen, aus freiem Willen, bewusst, besonnen und mit äußerster Hingabe – kurz gesagt, wenn ihr genau wisst, was ihr tut – kann ich nur sagen, dass ich mich über eure Entscheidung freue und euch dafür bewundere. Andere mögen eure Hingabe für Sogyal Rinpoche kritisieren, aber ob sie eurem Pfad zustimmen oder nicht ist weit weniger wichtig als eure Entscheidung, ihm zu folgen.

Es gab, gibt und wird immer Menschen geben, deren persönliche Unzufriedenheit dazu führt, dass sie Rigpa ablehnen, verleumden und, wenn ich das so sagen darf, sogar nach Rigpas endgültiger Zerstörung lechzen. Anstatt solchen Menschen Böses zu wünschen, müssen wir immer daran denken, dass wir Anhänger des Buddha sind. Wir müssen daher Mitgefühl mit all denen haben, die sich gegen uns wenden, und versuchen, die Ursache ihres Schmerzes zu verstehen – insbesondere, wenn sie einmal unsere Dharma-Brüder und -schwestern waren. Versucht, sie mit Mitgefühl und reiner Wahrnehmung anzunehmen. Und seid versichert, dass sie, wenn sie wirklich dem Dharma folgen, früher oder später die Wahrheit sehen und einen Weg zurück finden werden.

In Hingabe zu Guru Padmasambhava,

Dzongsar Khyentse Rinpoche
25. Dezember 2018

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